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Ruhig mal drüber nachdenken
Warum bin ich Vereinsmitglied?
Neulich mal wieder, im Casino des Reitvereins Klein-Kleckersdorf. Heiss geht’s her, denn Jahreshauptversammlung ist angesagt. Und dabei soll unter anderem abgestimmt werden, ob das alte Hindernismaterial für den Springparcours, das eigentlich nur noch über einen gewissen Brennwert verfügt, erneuert werden soll, oder ob der Dressurplatz, der mehr Ähnlichkeiten mit einem Kartoffelacker aufweist denn mit einer einigermassen ebenen Fläche, saniert werden kann. Beides ist wichtig, doch Geld hat der Verein nur für ein Projekt.
Die Abstimmung fällt knapp pro Springparcours aus. Dressurreitern Almut Ahnungslos kommentiert das Ergebnis der Abstimmung entsprechend patzig: „Wenn für uns Dressurreiter hier im Verein nicht bald was gemacht wird, dann trete ich aus. Alles bekommen die paar Springjuxer in den Hintern geschoben. Wenn ich nicht die Mitgliedschaft für meinen Reitausweis bräuchte, wäre ich schon längst nicht mehr hier.“ Siggi Schlauberger, zwar kein Turnierreiter, sondern bekennender Freizeitreiter, stimmt ihr zu: „Mir bietet der Verein ja eigentlich auch nichts. Ich reite fast immer draussen im Gelände. Und dafür brauch‘ ich nur gute Reitwege, aber keinen Verein.
Das kleine Szenario zeigt beispielhaft gleich eine Reihe von Verhaltensweisen, Einstellungen und Wertvorstellungen, die heutzutage das Miteinander im Verein immer problematischer machen. Da wäre zum Beispiel das immer geringer werdende Demokratieverständnis. Immer nach dem Motto: Wenn eine Entscheidung im Verein gegen die eigenen Interessen gefällt wird, dann kehrt man dem Verein den Rücken. Im besten Fall engagiert man sich nicht mehr für die Belange des Vereins. Im schlechtesten Fall tritt man einfach aus.
Hat sich mit dem Wunsch, die eigenen Interessen durchzusetzen, die Wahrnehmung derartig verzerrt, dass man die Interessen anderer nicht mehr richtig einordnen kann oder gar schlicht übersieht‘? Fakt ist, dass in demokratischen Organisationsformen die Mehrheit entscheidet. Ein geschickter Vorstand sollte aber immer versuchen, Entscheidungen so zu gestalten, dass auch die Minderheit mit dem Ergebnis leben kann. Eine andere Einstellung vieler Vereinsmitglieder lässt sich ebenfalls aus der Eingangsszene ableiten. Immer mehr Mitglieder sehen den Verein als blossen Dienstleister an. Frei nach dem Motto: Wenn ich nur pünktlich meine Beiträge zahle, habe ich auch einen Anspruch darauf, dass der Verein alle meine Wünsche umsetzt.
Immer mehr Mitglieder
sehen den Verein als
blossen
Dienstleister
Auch hier zeigt sich, dass viele das Motto „der Verein als Dienstleister“ nicht richtig begriffen haben. Wenn davon die Rede ist, dass der Verein zukünftig mehr wie ein Dienstleister handeln soll, kann das nicht bedeuten, dass der Verein und alle, die sich ehrenamtlich für ihn engagieren, kostenlose Dienstboten für alle Wünsche der Mitglieder sind. Der Verein als Dienstleister heisst, Angebote für seine Mitglieder zu schaffen. Annehmen muss das Mitglied die Angebote schon selbst. Und dass Angebote auch etwas kosten, sollte allen klar sein. Wer als Mitglied von seinem Verein besondere Angebote und Dienstleistungen erwartet, der muss auch akzeptieren, dass diese etwas kosten. Sei es ein Mehr an Geld in Form höherer Beiträge oder ein Mehr an eigenem Einsatz, sprich Engagement im Verein.
Wer die Mitgliedschaft im Verein lediglich als notwendiges Übel zur Erlangung des Reitausweises betrachtet, der ist, was den ursprünglichen Sinn und Zweck eines Vereins anbetrifft, ebenfalls ziemlich auf dem Holzweg. Sinn und Zweck eines Vereins ist es, in einer Gemeinschaft von vielen das zu erreichen, was der Einzelne alleine nicht schafft. Je mehr Menschen sich zusammenschliessen, und um so mehr sie sich einbringen, desto leistungsfähiger wird der Verein, desto mehr kann er seinen Mitgliedern auch bieten.
Turniersportorientierte Reiter, die den Verein lediglich als „Stempelaufdrücker“ für ihren Reitausweisantrag betrachten, sollten auch einmal überlegen, wie es ohne Vereine um ihre Sportausübung bestellt wäre. Wenn all die Millionen von Arbeitsstunden, die Ehrenamtliche in den rund 7.200 Reit- und Fahrvereinen hierzulande einbringen, um Turniere vorzubereiten und durchzuführen, als Arbeitsstunden eingekauft werden müssten, dann würde der Start in der A-Dressur wohl einen dreistelligen Euro-Betrag kosten.
Gleiches gilt auch für Freizeitreiter Siggi Schlauberger. Denn auch er sollte sich einmal fragen, ob er sein Hobby auch ohne Vereine ausüben könnte. Denn erst die Vereine als Interessenswahrer vor Ort und die auf die Vereine aufbauenden Organisationsebenen wie Kreis-, Landes- oder Bundesverband ermöglichen ihm und Hunderttausenden anderen Freizeitreitern die Ausübung ihres Hobbys.
Ohne das, was Vereine und die anderen Organisationsebenen bei Anlage und Pflege von Reitwegen sowie in der Auseinandersetzung mit Bürokratie und Politik leisten, könnte Siggi Schlauberger zukünftig wohl nur noch im eigenen Garten ausreiten. Auch deshalb sind die Vereine und das Engagement in ihnen für uns alle ein Gewinn.Hartwig
Wenn all die Arbeitsstunden der Ehrenamtlichen eingekauft werden müssten, gäbe es bald keine Turniere mehr
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